Strompreise 2022 wegen Fehler im System immer teurer?

Strompreise 2022 Systemfehler
Verfasst von: Michael Claus
Zuletzt aktualisiert am:

Die Strompreise 2022 für Kunden und Verbraucher steigen besonders seit Russlands Überfall auf die Ukraine immer höher. Ein Ende des Preisanstiegs scheint nicht in Sicht. Fast jede Prognose sieht düster aus. Das verteuert die Lebenshaltungskosten, treibt die Inflation und stellt viele Haushalte vor echte Probleme. Doch woher kommen die ständigen Preissprünge? Wird Strom wirklich immer teurer in der Herstellung?

Dabei hatten die Strompreise schon vor der russischen Kriegseskalation deutlich zugelegt. Einer der Hauptgründe dafür war zunächst die wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise. Der Energiehunger war groß. Russlands Krieg in der Ukraine hat die Verwerfungen an den Märkten dann nochmals dramatisch verschärft. Die Suche nach einem günstigen neuen Stromanbieter scheint derzeit aussichtslos.

Und der nächste Preisschock steht schon wieder bevor: Etliche große Versorger in Deutschland haben angekündigt, die Strompreise zumindest in der Grundversorgung ab Oktober erneut merklich anzuheben. Obwohl durchschnittliche Strompreise von 40 bis 45 Cent pro Kilowattstunde (kWh) jetzt schon keine Seltenheit mehr sind, soll es dann nach verschiedenen Prognosen voraussichtlich nochmals um 30 Prozent nach oben gehen.

Gründe für die Preissteigerungen

Als Gründe für die gestiegenen Strompreise 2022 führen die Anbieter immer wieder die gestiegenen Beschaffungskosten für Strom an. Diese hätten die Senkungen durch den kürzlichen Wegfall der EEG-Umlage bei weitem überstiegen. Vor allem aber scheint der galoppierende Gaspreis jedoch den Strompreis zu treiben! Warum ist das so? Deutschland erzeugt doch nur einen Bruchteil seines Stroms mit Gas.

„Der immer besser diversifizierte Strommix allein kann aus rationaler Sicht jedenfalls nicht länger als Ursache herhalten.“

Laut offizieller Statistik (Quelle: Statistisches Bundesamt / Destatis) erzeugten die deutschen Hersteller nämlich bereits im ersten Quartal 2022 deutlich weniger Strom mit konventionellen Energieträgern. Der Anteil an der Verstromung von Kohle stieg zwar um 12,5 Prozent. Dafür aber sanken die Anteile bei Erdgas um 17 Prozent, die bei der Kernenergie sogar um 49 Prozent. Inzwischen dürfte die Gasverstromung nochmals abgenommen haben.

Die erneuerbaren Energien hingegen legten stark zu. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stieg ihr Anteil an der Netzeinspeisung um 21 Prozent. Am stärksten bauten Photovoltaik (Solar) und Windkraft ihre Anteile aus. Die Verstromung der Sonnenenergie stieg um fast 35 Prozent, die von Windenenergie um fast 29 Prozent. Einige Bundesländer wie Schlewig-Holstein erzeugen heute schon mehr grünen Strom als sie überhaupt Strom verbrauchen.

Konstruktionsfehler: Preisbildung der Strompreise 2022

Das Problem scheint also weniger der zunehmend von fossilen Energien unabhängiger werdende Strommix zu sein. Der Fehler könnte vielmehr bei der Preisfindung im System liegen, quasi ein Konstruktionsfehler sein. Das zumindest legt ein Forbes-Bericht anschaulich nahe. Demzufolge zieht auch nur ein einziges Gaskraftwerk, dessen Strom an der Strombörse gehandelt wird, alle anderen günstigeren Preise unweigerlich mit nach oben.

Denn der Preis, den die Stromanbieter an der Börse für den Einkauf von Strom bezahlen müssen, um am sog. Day-Ahead-Markt kurzfristig an elektrische Energie zu kommen, richtet sich stets nach den Grenzkosten der teuersten Herstellungsart. Also nach der, die gerade noch benötigt wird, um die Nachfrage zu decken. Beschreiben wir das mal an einem fiktiven Beispiel, um den Mechanismus dahinter zu verstehen:

  • Verschiedene Kraftwerke produzieren Strom und bieten diesen zu ihren Grenzkosten an der Strombörse an.
  • Erneuerbare Energien sind dabei sehr günstig und offerieren den Strom zu 2 bis 5 Euro pro Megawattstunde (MWh).
  • Dann folgen die Kernenergie-Kraftwerke, die ihren Strom zu 10 Euro pro MWh offerieren, die Braunkohle-Kraftwerke mit 30 bis 45 Euro pro MWh und die Steinkohle-Kraftwerke mit 45 bis 60 Euro pro MWh.
  • Steigt die kurzfristige Nachfrage zu einer bestimmten Uhrzeit nun so an, dass all diese Energieträger nicht mehr ausreichen, um die nötige Grundlast abzudecken, bieten auch die erdgasverstromenden Kraftwerke ihre Energie an der Börse an und zwar zum Preis von 100 Euro pro MWh.
  • Aus all diesen Preisen erfolgt aber keine Preisbildung im Mix, sondern am Ende bezahlt der Einkäufer nun immer den teuersten Preis von 100 Euro pro MWh für jede Energieform. Ganz egal, ob zum Beispiel die Solartechnik oder Windkraft eigentlich nur zum Bruchteil des Gasstroms Energie produziert.

Es scheint also vor allem dieses System der Preisfindung das eigentliche Problem zu sein. Denn es tariert sich allein über die Kosten der teuersten Grenzkraftwerke aus. Ob sich die große Masse an günstigen Alternativen der Stromerzeugung dabei gezwungenermaßen eine goldene Nase verdient und der Verbraucher am Ende eine saftige Rechnung präsentiert bekommt, kann das System nicht verhindern.

Kommt dann noch hinzu, dass sich einige Bundesländer wie etwa Bayern mit riesigen Gaskraftwerken zum Ausgleich der Grundlast sehr einseitig abhängig gemacht haben, während jedoch die Windkraft im Freistaat nur eine geringe Rolle spielt, schließt sich der Kreis. So führt jeder weitere Anstieg der Gaspreise unweigerlich zu weiteren Erhöhungen der Strompreise 2022. Diese Prognose ist unschwer zu treffen. Den Preis für die kombinierten Systemfehler zahlen am Ende alle!

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